05.10.2006: Marktbeobachtung - passiv gekühlte ATI- und Nvidia-Grafikkarten für Office- und Media-PCs

Kaum ein Hardware-Thema ist momentan so schwierig wie der Kauf der richtigen Grafikkarte. Insbesondere wenn man schon ein bisschen in die Zukunft und damit die Einführung von Windows Vista denkt. An einem aktuellen Beispiel kann man sich das gut vor Augen führen. Von der Firma HIS - bekannt für ihre Grafikkarten mit leisen Lüftern - gibt es eine neue PCI-Express-Einsteigerkarte auf Basis von ATIs Radeon X1300-Prozessor, die passiv gekühlt ist und als Besonderheit über zwei DVI-Anschlüsse verfügt. Im Unterschied zu bisherigen Modellen (hier zum Vergleich auch ein Konkurrenz-Produkt von Club 3D) ist diese Karte aber als "Low Profile"-Variante ausgelegt (angeblich die erste ihrer Art) und zielt somit auf den Einsatz in Media-PCs mit flachen Desktop-Gehäusen oder Barebones. Der Preis soll bei ca. 90 Euro liegen, was für Karten mit Radeon X1300 ziemlich üppig ist. Vergleichbare Karten mit normaler Bauhöhe liegen um die 70-80 Euro. Vergleichbare Nvidia-Karten bekommt man für ca. 50-60 Euro.

Auf den ersten Blick etwas verwirrend sind die Angaben zum verfügbaren Speicher. Aus der Namensbezeichnung (HIS X1300 Dual DVI 512 MB Hypermemory) könnte man annehmen, dass es 512 MB sind. Was jedoch wenig Sinn machen würde. Denn nur sehr komplexe Spiele bei hoher Auflösung können so viel Speicher ausnutzen (und dafür ist die Karte von der Rechenleistung wieder zu schwach). Auch Windows Vista würde 512 MB nur beim Anschluss von zwei Monitoren mit 1600x1200 (oder mehr Pixel) benötigen. Tatsächlich sind es auch nur 128 MB "onboard"; den restlichen Speicher zwackt die Karte bei Computerspielen dank der Hypermemory-Technik von ATI vom Arbeitsspeicher des PCs ab. Das setzt aber wiederum auch das Vorhandensein von entsprechend viel Hauptspeicher im PC voraus (1 GByte sollten es schon sein). Bei Nvidia wird die entsprechende Technik übrigens TurboChannel genannt und wird wie bei ATI nur bei den Karten/Prozessoren im unteren Leistungsbereich eingesetzt (730d0 LE und 7300 GS). An dieser Stelle sei übrigens auf das Problem hingewiesen, dass 128 MB Grafikspeicher unter Windows Vista nicht mehr für einen Zweischirm-Betrieb ausreichen und somit der zukünftige Sinn der Karte mit ihrem Dual-DVI-Anschluss in Frage gestellt werden kann. Dann Vista benötigt für den Betrieb von Displays mit den gängigen 1280x1024 Pixel (17" und 19"-TFT) pro Monitor 128 MByte. Um also zwei Monitore bei dieser Auflösung anzusteuern, braucht man 256 MByte Grafikspeicher "onboard". Unter Windows XP ist das dagegen noch kein Problem bzw. hier reichen 128 MByte noch aus.

Da die aktuellen Radeon-Prozessoren der X1000-Serie recht heiß werden, muss der Kühlkörper entsprechende Ausmaße haben, die HIS auf der Low Profil-Platine nur in der Tiefe, aber nicht Höhe finden konnte. Daher benötigt die Karte zwei Slots für den Einbau; die beiden DVI-Anschlüsse liegen nebeneinander und nicht wie üblich übereinander. Auch hier muss der PC über genügend Platz verfügen; der Steckplatz neben der Grafikkarte fällt natürlich weg.

Ansonsten eignet sich die Karte dank ATIs AVIVO-Videobeschleunigungstechnik schon recht gut für Medien-PCs, da auch hochauflösenden Videos im MPEG-2-, WMV- und H.264/MPEG-4-AVC-Format (ist im Lexikon 2007 erklärt) hardwareseitig dekodiert werden. Und AVIVO über ein recht gutes, hardwareseitiges Deinterlacing (im Lexikon erklärt) verfügt. ATI hat derzeit in Bezug auf die Videofähigkeiten gegenüber Nvidia etwas die Nase vorne, aber grundsätzlich beschleunigen auch die aktuellen GeForce 7x-Prozessoren von Nvidia HD-Videos für die meisten PCs ausreichend (selbst die einfachen Modelle wie eine 7300 GS). Bei Nvidia wird die Videotechnik der Grafikkarten als PureVideo bezeichnet. Gegenüber den derzeitigen Radeon-Karten bieten die Geforce-GPUs der 7000er-Reihe aber den Vorteil des niedrigeren Stromverbrauches und der geringeren Hitzeentwicklung, wie man sich ganz gut auf dieser (englischsprachigen) Webseite überzeugen kann. Außerdem reicht schon ein vergleichender Blick auf das Platinen- und Kühlkörper-Design der Karten, um diesen Unterschied bestätigt zu sehen. Zum Aufbau eines Silent-PCs mit Office, Internet und Medienwiedergabe eignen sie Nvidia-Karten nach meiner Meinung daher derzeit besser. Insbesondere die Karten der 7300 GS oder 7300 LE-Serie sind dafür empfehlenswert. Sie unterscheiden sich nur in der Taktung (LE zumeist ca. 15-20% niedriger als GS). Hier ein LE-Modell von Gainward mit 256 MB (passiv gekühlt) und hier die etwas höher getaktete GS-Variante, die daher einen etwas größeren Kühlkörper als das LE-Modell hat. Gegenüber den 7300 GT und 7600 GS-Karten ist der Speicherbus von 128 Bit auf 64 Bit beschnitten, was die Karten bei Computerspielen deutlich ausbremst. An dieser Stelle muss sie sich auch einer Radeon X1300 geschlagen geben. Hier findet man einen ausführlichen Vergleichstest zwischen einer X1300 und einer 7300 GS. Nicht ganz so komplexe Spiele (wie z. B. Simulationen, statt Action-Spiele) lassen sich bis Auflösungen von 1024x768 mit einer 7300 GS zumeist aber auch spielen. Eine Spielefähigkeit bei 1280x1024 sollte man aber nicht erwarten. Zur Videobeschleunigung sowie für die neue 3D-Aero-Oberfläche von Windows Vista reicht die Leistung aber allemale aus. Außerdem gibt es auch Modelle mit 256 MB (jedoch selten), wenn mir auch keine Karten mit 2x DVI bekannt sind (sondern nur 1x DVI + 1x VGA). Aber einen Zweitschirm kann man zumeist auch analog anschließen.

Bleibt also unterm Strich: ich würde mir derzeit eher eine Nvidia- denn eine ATI-Karte kaufen, da mir niedriger Stromverbrauch und geringere Hitzeentwicklung (und damit leichter erreichbare Passiv-Kühlung) zum Aufbau eines "Silent-PCs" wichtiger wären als hier und dort ein schwacher Performance- oder Funktionsvorteil. Letzteren findet man bei ATI etwas bei den Videofunktionen. Lediglich im Bereich der Top-Karten (Bereich 200-400 Euro) haben derzeit die ATI-Karten manchmal die Nase bei der Performance und insbesondere Darstellungsqualität vorn. Im mittleren Marktsegment (7600 GS versus X1600 Pro) kann Nvidia dagegen in den meisten Fällen die Konkurrenz von ATI bei 3-D-Darstellungen bzw. Computerspielen im Preis-/Leistungsverhältnis schlagen. Hier findet sich ein ausführlicher Vergleichstest zwischen einer 7600 GS und einer X1600 XT (ist noch etwas performanter als eine X1600 Pro). Wer eine günstige Karte für einen Office- oder Media-PC sucht, sollte zu einem GeForce 7300 LE oder GS-Modell greifen, sofern 2x DVI nicht absolut zwingend sind. Das findet man derzeit bei Nvidia meines Wissens nach nur ab Karten mit 7600 GS-Prozessor (ca. 100 Euro, beispielsweise diese Modell von XFX). Bei der Speicherausstattung sollte man an Windows Vista denken und mit 128 MB pro angeschlossenen Monitor rechnen. 256 MB sind daher sinnvoll, 512 MB jedoch normalerweise nicht notwendig. Gelegentlich haben Modelle mit 512 aber für einen moderaten Aufpreis eine aufwendigere Kühlung und 2x DVI, weshalb sie sich - wie bei diesem Modell von Gainward - durchaus lohnen (av/pc-lexikon.info).

Ergänzende Artikel im Lexikon 2007: Grafikkarte, PCI-Express, AGP, DVI, H.264/AVC, Windows Vista, Dual-Monitoring, Interlace-/Progressive Bilddarstellung